requiem für einen wald

„Requiem für einen Wald“ hatte am 7. März 2020 im Tieranatomischen Theater der Humboldt-Universität zu Berlin Premiere. Die szenisch-musikalische Lesung führt auf eine Reise von den Wäldern der Urzeit bis in unsere Gegenwart und Zukunft. Hier sehen Sie einige Videos, die an die Inszenierung anknüpfen. 

recordings

requiem for a forest


Mit 
David Bennent
Antje Boetius
Irene Christ
Kevin Mooney
Christoph Schneider

Szenische Einrichtung
Antje Boetius
Frank Raddatz

Musik
Kevin Mooney

Kamera
Andreas Deinert

Ton
Dennis Streckfuß

 

Die folgenden Videos sind im April 2020 im Späth-Arboretum der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden.

traumbaum / weltenbrand


Mit 

Claudia Burckhardt
Meiting Shi

Szenische Einrichtung
Vincent Burckhardt
Frank Raddatz

Kamera
Andreas Deinert

Ton
Esteve Franquesa Parareda

Musik Intro und Abspann
Kevin Mooney

Schnitt
Andreas Deinert

Drehort
Späth-Arboretum der Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Produktion des Theater des Anthropozän in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Alfred-Wegener-Institut.

zedernwald / gilgamesh
tötet den baumkönig


Mit 
David Bennent
Antje Boetius

Szenische Einrichtung
David Bennent
Antje Boetius

Kamera
Andreas Deinert

Ton
Esteve Franquesa Parareda

Musik
Kevin Mooney

Schnitt
Andreas Deinert

Drehort
Späth-Arboretum der Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Produktion des Theater des Anthropozän in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Alfred-Wegener-Institut.

esche / weltenbaum
der edda


Mit 
Antje Boetius
Ilse Ritter

Szenische Einrichtung
David Bennent

Kamera
Andreas Deinert

Ton
Esteve Franquesa Parareda

Musik
Kevin Mooney

Schnitt
Andreas Deinert

Drehort
Späth-Arboretum der Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Produktion des Theater des Anthropozän in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Alfred-Wegener-Institut. 

texte

Mit seiner Studie ‚Wälder – Ursprung und Spiegel der Kultur‘  macht der amerikanische Literaturhistoriker Robert P. Harrsion deutlich, dass es den Wald nicht gibt. Die menschliche Sehkraft ist nicht neutral sondern eine Sichtweise: was unser Sehen sieht und ebenso das, was es nicht sieht, sind unauflöslich mit den ‚Ordnungen der Gegenwart‘ verknüpft. Deren Strukturen und Wahrnehmungsmuster aber befinden sich heute, an der Epochenschwelle zum Anthropozän im Umbruch. Die Revision der ökologischen Parameter trifft den Wald, die Lunge des Planeten besonders empfindlich. Weltweit brennende Wälder, aber auch Insektenbefall zeugen von den Transformationen, die seine Habitate aufgrund der derzeitigen Erderwärmung durchmachen. Die veränderten Rahmenbedingungen erfordern neue, den Szenarien entsprechende Landkarten, taugen doch die alten Perspektivierungen immer weniger einen angemessenen, das heißt zukunftsfähigen Umgang mit den Tieren, den Landschaften, dem Erdsystem und seinem zentralen Organ, eben dem Wald zu eröffnen.

Offenbar befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie der Jäger in Heiner Müllers Hydra-Text, der erleben muss, wie sich die vertrauten Schemata vor seinen Augen auflösen. Selbst das Zeitmaß kommt dem Helden bei diesem Waldgang abhanden: Vielleicht war er selber schon zu lange unterwegs, eine Erdzeit zu lange. Schließlich zweifelt diese Herakles–Figur, ob das, was er durchschreitet, überhaupt noch ein Wald genannt werden kann. Mit dem Orientierungsverlust wächst zugleich das Rätselhafte, das schließlich in der entscheidenden Frage kulminiert: wer oder was lenkte die Bewegungen dieser Bäume, Äste

Wie Müllers Protagonist muss sich auch unsere Spezies aktuell eingestehen, dass sie sich verirrt hat. Residierte sie gerade noch selbstherrlich auf dem Thron der Evolution und führte sich als unangefochtener König des Planeten auf, erweist sich die Natur im Anthropozän keineswegs als derartig beherrschbar wie der mit Technik und Wissenschaft ausgerüstete Mensch lange Zeit annahm. Unter einem prähistorischen oder zumindest kaum zu skalierenden Himmel berichtet Müllers Text vom Kampf zwischen Wald/Tier und Homo Sapiens. Vor diesem Horizont liest sich das anthropozäne Heute nicht nur als Verlängerung dieses scheinbar zeitlosen Konflikts sondern als dessen Resultat. Kulturgeschichtlich lässt sich der Antagonismus bis zu den Anfängen der städtischen Zivilisation zurückverfolgen, welche das Holozän, also die vor etwas mehr als elftausend Jahren einsetzende Wärmeperiode, zur Voraussetzung hat. 

Eine sumerische Erzählung, der etwa 4000 Jahre alte Mythos von Gilgamesch, eröffnet die Szenische Lesung ‚Requiem für einen Wald‘. Geschildert wird die Auseinandersetzung auf Leben und Tod, die ein früher König von Uruk, einer am Euphrat gelegenen mesopotamische Stadt, mit dem Baumkönig Humbaba führt. Die Sequenz markiert einen von vielen Anfängen des Anthropozän, das weder mit seiner Wortschöpfung im Jahr 2000 begann, als der Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen, den Begriff in die geologische Debatte einbrachte, noch mit der Erfindung der Dampfmaschine. In Müllers Entwurf von 1972 heißen die Protagonisten Hydra und Herakles und entstammen der griechischen Frühantike. Abgesehen davon dechiffriert sich das zugrundeliegende Motiv als derselbe Konflikt, der mit der Errichtung der ersten Hochkulturen einhergeht. Den Abend beschließt in dieser Linie ein weiterer Hauptdarsteller aus dem Reich des Mythos, diesmal aus der nordischen Edda. Wenn der Weltenbaum Yggdrasil stirbt, so die Saga, setzt die Dämmerung des Menschengeschlechts ein. Heute tut ein Hybrid aus mobilisierten Homo und Borkenkäfer eine Menge, um dieses Ende herbeizuführen. 

Allen drei mytho-poetischen Passagen ist gemein, und hier setzt der anthropozäne als epistemologischer Perspektivwechsel ein, dass es sich beim Wald um einen Akteur und nicht um eine passive Sache oder totes Objekt handelt. Wie die Namensgebungen Humbaba oder Yggdrasil legt auch Müllers Frage nach dem Wer oder Was des Waldes die Vorstellung einer personalen Identität, eines Natursubjekts nahe. In den mythischen Überlieferungen oder in den Kodifizierungen des Schamanismus werden die Wesenheiten der Natur als beseelte, mit einem Willen ausgestattete Wesen imaginiert. Gegenwärtig debattieren die Physikerin Karen Barad oder die Wissenschaftshistoriker Donna Haraway, Michel Serres oder Bruno Latour wie sich die traditionelle Subjekt–Objekt–Relation zugunsten einer Beziehung auflösen lässt, in der sich die nicht-menschlichen Erdbewohner statt unter dem Dingaspekt als Bündel von Tätigkeiten verstehen lassen. In diesem Zusammenhang wird von Aktanten und Akteuren, von Wirkmächten und Quasi-Subjekten gesprochen, von Wirkmächten, die durchaus lebendig sind, verfolgen sie doch eine Intention und besitzen eine Biographie. Erläutert die Erdsystemforscherin Antje Boetius im Laufe der Aufführung, welche unverzichtbaren Funktionen der Wald im Laufe von vielen hundert Millionen Jahren in Bezug auf das ökologische Habitat und die Bildung der Atmosphäre übernommen hat, lässt sich kaum bestreiten, dass es sich um eine Art ‚intraaktives Werden’ (Barad), um eine ‚Tätigkeit’ handelt. Wenn Expert*innen aus dem Forstwesen darlegen, wie der anthropogen verursachte Klimawandel dem Wald zu schaffen macht, höhere Temperaturen nicht nur Waldbrände, sondern ebenso Parasitenbefall begünstigen, also jenes Amalgam aus Mensch und Käfer erzeugen, das dem Weltenbaum zu Leibe rückt, wird zugleich evident, dass wir es mit einem Wirkungszusammenhang zu tun haben. 

Unser Abend verfolgt den Akteur Wald und dessen Manifestationen anhand unterschiedlicher Momentaufnahmen aus der Geschichte und Gegenwart. So pflegte John Muir, ein amerikanischer Vordenker der Ökologiebewegung, der 1892 mit dem Sierra Club eine der ältesten und mit mittlerweile 2,4 Millionen Mitgliedern auch eine der größten Naturschutzorganisationen der Vereinigten Staaten gründete, ein geradezu intimes, auch pädagogisches Verhältnis zu einzelnen Baumsorten, wenn er feststellt: Wild und unkonventionell im Erwachsenenalter, ist die Zuckerkiefer in ihrer Jugend ein bemerkenswert artiger Baum. In dem Roman ‚Die Wurzeln der Welt‘, für den Richard Powers 2019 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, bedankt sich eine Wissenschaftlerin bei einem Mammutbaum, weil er so großzügig mit den Menschen kooperiert. Weniger edel erscheinen die Bäume demjenigen, der die Unfallstatistiken studiert. Straßenbäume sind für einen Großteil der Verkehrstoten verantwortlich und rauben selbst dann noch Leben, wenn sie zu Pellets verarbeitet, unsachgemäß gelagert werden. Aber Wälder produzieren nicht nur Holz sondern verwandeln sich auch in Kohle und generieren damit jene Energieform, auf welcher das dampfgetriebene Maschinenzeitalter beruht. Es sind dieselben Wälder, welche für die Sauerstoffzufuhr des Planeten Sorge tragen, die in Form von Kohle verfeuert CO2 Emissionen freisetzen, die den Klimawandel antreiben. Unter dem Aspekt des Akteurs fokussiert sind sie paradoxerweise nicht nur Opfer, sondern auch Täter. 

Führt die anthropozäne oder ökologische Reflexivität in den Vorgarten einer neuen Epistemologie, wo an die Stelle von Objekten und Dingen Aktanten und Wirkzusammenhänge treten, sucht das Theater des Anthropozän zugleich Wissenschaft und Kunst auf seiner Bühne zusammenzuschließen. Neben der gemeinsamen inhaltlichen Schnittmenge, dem anthropozänen Themenfeld, nähern sich Kunst und Wissenschaft unter der Prämisse der Erdsystemforschung an, dass alles mit allen zusammenhängt. Nichts anderes haben die Kraftfelder der Kunst seit dem Beginn der Moderne (oder schon immer) behauptet. 

Eine epistemologische und/oder ontologische Wende soll den Geist der Naturbeherrschung läutern, der zu den Hauptverursachern der akuten ökologischen Krise mit planetarischen Dimensionen zählt. Auf dem Feld der Kunst besagt Harrisons eingangs präsentiertes Narrativ, dass auch deren Einstellungen und Sichtungen in die Gefüge ihrer Zeit eingebettet sind. Das poetische Ingenium ist keineswegs in Räumen jenseits der Geschichte und Kultur situiert. In der Lyrik ‚Traumwald‘ kommt der Dichter zu dem erschreckenden Befund, dass er in dieser Formation des Märchenwalds, wo die Fichten im Spalier stehen, längst den authentischen Bezug zu den Tieren mit ihren leeren Augen, die kein Blick versteht, verloren hat. Es ist noch ein langer Marsch bis zu dem allgemeinen Bewusstsein, dass die Geschichte der Menschen von der Geschichte der Tiere (Pflanzen, Steine, Maschinen) nur um den Preis des Untergangs getrennt werden darf. 

Deutlich wird, das Anthropozän fordert nicht nur eine epistemologisch–ontologische Wende, sondern den Abschied vom Anthropozentrismus als kulturellem Paradigma. Requiem meint also auch, sich von überholten Bildern zu trennen. Mit der Auferstehung der Naturobjekte als Wirkmächte werden jene Weichenstellungen revidiert, die den Menschen in den Mittelpunkt der Evolution stellten. Der Homo Sapiens kann nicht länger als der Sinn der Erde (Nietzsche) deklariert werden sondern unsere Spezies rückt an die Peripherie jener Prozesse, die sich nicht mehr im Baum des Lebens spiegeln sondern eher einem weit verzweigten Busch gleichen oder einem Geflecht aus Wurzeln und fadenförmigen Hyphen. Auch auf der Bühne des Tieranatomischen Theaters besetzten die Schauspieler die Randpositionen. Nach dem der Anthropos sich aus dem Zentrum zurückzieht, bleibt der Ort, wo früher Tiere seziert, wissenschaftliche Vorträge gehalten wurden, leer. Analog zum Paradigmenwechsel des wissenschaftliche Selbstverständnis der letzten Jahrhunderte vollzieht auch ihre Bühne eine Kehre. Die Bretter im Zentrum bleiben unbespielt, während sich das theatralische Leben entlang der Holzgeländer in die Höhe windet. Auch der Baum ist weder flach noch eckig, sondern wächst von Wurzeln gelenkt mit Stämmen und Verzweigungen zum Licht. Die Glaskuppel, der architektonische Clou des Gebäudes, lässt am Tage den Sonnenschein, den wesentlichen Bestandteil der Photosynthese, in den von Mark Lammert verantworteten theatralen Raum und während der Aufführung bettet der Nachthimmel die Erde kosmisch ein. Claudia Burckhardt und Leopold von Verschuer eröffnen den Abend musikalisch. Unheilvoll lädt sich ein Song aus den 1970er Jahren angesichts des anthropozänen Zeithorizonts auf und zeigt an, wie sehr das Imaginäre, die Chiffren und Metaphern sich mit veränderten Bedeutungen füllen. Den Schlussakzent setzt ‚Wandrers Nachtlied‘, Franz Schuberts Vertonung des Goethegedichts ‚Über allen Wipfels ist Ruh‘. Noten der Trauer, die sich auf eine Welt beziehen, von der wir nicht wissen, wie lange sie noch in der uns bekannten Form Bestand hat.   

Ob es hiermit gelungen ist, eine Gebrauchsanweisung für das Labyrinth zu verfassen, ohne dessen abenteuerlichen Charakter zu beschädigen, muss der Leser bzw. Zuschauer entscheiden. Der Schauspieler David Bennent erzählt, wie ihm vor etlichen Jahren Heiner Müller in der Kantine des Staatstheaters Stuttgart den Bühnentext ‚Bildbeschreibung‘ für eine Lesung überreichte. Das Manuskript war von Punkt und Komma oder anderen Verkehrszeichen der Interpunktion gereinigt. Silbe für Silbe, Wort für Wort, Satz für Satz will ein Text durchquert sein, bis der Rhythmus (s)einen Sinn freigibt. So wie es dem Schauspieler immer wieder geschieht, dass sich ein Verb oder anderes Sprachbauteil unvermutet querlegt und ein weiteres Voranschreiten verwehrt, ist auch das Publikum aufgefordert, neue Wege einzuschlagen, falls die alten nicht weiterführen. Das Dickicht der Texte lädt jeden ein, als Co-Autor selber aktiv an der Montage teilzunehmen, sich mit seinem Verstand, seinen Assoziationen und Träumen in das Geschehen einzubringen. Statt Aktionismus wird ein kaum überschaubarer und komplexer Parcours geboten, der ermuntert, Haltungen neu zu justieren, um jene Wende einzuleiten, die das Anthropozän verlangt. Bevor ich nun selbst vom Weg abkomme, breche ich ab. Nur eines noch: wer nicht bereit ist sich zu verirren, kann auch keine Landkarten erstellen.

Frank Raddatz
Berlin, 26. April 2020