studentische projekte

Die hier präsentierten Arbeiten entstanden im Rahmen dreier von Frank Raddatz und Vincent Burckhardt organisierten Seminare zum Verhältnis von Kunst im Anthropozän vom Sommersemester 2020 bis zum Sommersemester 2021 am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Studierenden setzten sich darin sowohl theoretisch wie praktisch mit künstlerischen Zugängen zum Thema Anthropozän auseinander und entwickelten eigene Projektarbeiten. Die Wahl des Mediums stand den Beteiligten dabei offen. Sehen Sie hier eine digitale Ausstellung der entstandenen Werke.

malerei & plastik

Sophia Büchel / Nora Elisabeth Dorèn - Plastik konserviert das Zeitalter des Anthropozän

Material: Ton (bemalt), Seil

Nora Diepenbrock - Ohne Titel

Sophie-Marie Kaatsch - Ohne Titel

Olivia Miodek - Staub

film

Amelie Baier - No Trouble In Thy Breast

Rebeka Bor, Ioannis Hatsis - Tick Of The Clock

Sophia Rentsch — I AM THE RIVER

 

Als ich in Texas war… Illustration eines Gesprächs


Das Anthropozän ist ein Riesenwurst-UFO. Eine lange, fettige McDonalds-Wurst, in
ungenießbares Weißbrot gehüllt, der amerikanische Alptraum. Zugegeben – Heiner Müller hat
sich hier gar nicht nicht zum Anthropozän geäußert und es wäre wohl die Aufgabe einer
akademisch eher halbseidenen Hausarbeit, herauszufinden, ob der Terminus in Müllers
enormem Wortschatz überhaupt vorgekommen ist; ob nicht der Trend, vom sogenannten
Anthropozän zu sprechen, wenn vielmehr von den Verbrechen der Superwürste, der (männlich
gelesenen) Menschheit die Rede sein sollte, erst viel später aufgekommen ist, sich gebrochen
hat und der mit dem Aufkommen der heilbringenden Bußprediger:innen von Fridays for
Future transzendiert wurde in das kommensurablere, nun endlich massenkompatible Narrativ
der Klimakrise. Vielleicht nehmen letztgenannte, schon allein aufgrund ihrer noch vorläufigen
Unterscheidbarkeit vom Negativpol der männlich gelesenen Superwürste, der Menschheit,
irgendwann die messianische Rolle ein, die einst der Arbeiter:innenbewegung und ihrer
kommunistischen Weltrevolution zustand. Dass diese, in ihrem realsozialistischen Experiment
und bei allen ihr entgegengebrachten Sympathien zum Scheitern verurteilt war, liest man aus
einem Brief, den Müllers Freund Wolfgang Heise 1976, bereits in der diffusen Vorahnung des
Absturzes an den Chefphilosophen des, dicht am Mutterschiff Stalin gebliebenen
Hilfssatelliten DDR, Kurt Hager, gerichtet hatte und in dem es heißt, dass wir nicht in einer
vom Weltgeist gesteuerten Geschichtsmaschine säßen. Die Analogie zum Raumschiff oder
zum anthropozänen Alptraum wird klarer, lediglich, die Geschichtsmaschine (oder das UFO)
schwebt, das Raumschiff aber rast, die Triebwerke der Rosaschen Beschleunigung heulten
bereits auf, nach dem langen und treibstofffressenden Kampf gegen den Umsturz aller
Verhältnisse, als Müller auf das allgemeine Lebensgefühl zu sprechen kam: „Schwerelosigkeit
– das Raumschiff Erde. Das ist die positive Erfahrung der Hilflosigkeit. Man sitzt nicht am
Steuer und kennt den Mechanismus nicht, um es im Notfall zu bedienen. Aber das Ding fliegt.
Das ist das Grundgefühl. Man ist schwerelos, hat keine Verantwortung. Alles ist gut.“ Alles ist
gut. Inzwischen ist es das Gegenteil: Alles ist verloren, schreit das Wissen um das
Anthropozän und man fragt sich, wie es passieren konnte, dass Christian Lindner wirklich das
Finanzministerium besetzen darf. Der letzte Rest von politischer Hoffnung auf Lösung ist
damit vorläufig erloschen und der Müll auf den Straßen, der nicht schwebt oder rast, türmt
sich auf, bis die BSR nicht kommt. Doch wir schweifen ab. Des Dichters Lösung: Friedhöfe,
schwebend über der Stadt und über dem Müll und über dem Tod. Das erinnert an Müllers
Diktum, man müsse die Toten wieder ausgraben um sie nach der Zukunft zu befragen, die mit
ihnen begraben wurde. Der Himmel wird zum Ort der Toten, ein ewiges Ideal, dessen
dialektische Umkehrung in Materialität bisher nur durch psychedelische Substanzen erprobt
werden konnte, vielleicht im Hermann-Löns-Park in Hannover, zwischen Kirchrode und
Anderten. Aber vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit (der materiellen Lösung) im
Wirklichen (des Anthropozän) und diese Möglichkeit liegt vielleicht in der Anerkennung der
Widersprüche, der Ironie, der Irritation („Haben die sich wirklich getraut SO einen Film
einzureichen?“). Denn die Widersprüche sind die Hoffnung – das darf man nicht vergessen,
obwohl die neue Regierung so großartige Grafikdesigner beschäftigt.
Der vorgehende Absatz setzt sich mit dem im Film eingesprochenen Zitat von Heiner Müller
im Gespräch mit Frank M. Raddatz aus dem Jahr 1995 auseinander. Der Film ist ein Versuch
dieses Zitat in Bezug auf das Anthopozän und der damit einhergehenden Konsumkritik,
dazustellen. Die Absurdität der Bilder und Ausschnitte des Filmes spiegeln die Absurdität des
Konsums im Zeitalter des Athropozäns auf eine dilettantische Art und Weise wieder. Die
Szenenauswahl bezieht sich zum einen auf banale Objekte des Mülls. Als Resultat des
Konsums steht Müll stellvertretend für die Auswirkungen eines kapitalistischen Systems. Zum
anderen deuten die Szenen, welche den mit Tomatensoße überströmten Körper darstellen, auf
den leichtfertigen Umgang mit Konsum im Zeitalter des Anthropozän hin. Konsum, in
jeglicher Form, ist der größte Auslöser des Klimawandels. Auch die erste Assoziation der
Tomatensoße mit Blut ist ein bewusst gewähltes Mittel. Die Tomatensoße steht stellvertretend
für den Konsum der kapitalistischen Welt. Mit jedem Kauf eines nicht nachhaltigen Produktes
„blutet“ die Erde etwas mehr. Sie wird von Tag zu Tag auf Grund des nicht aufhörenden
Konsums der Erdbewohner:innen, weiter zerstört. Mit der Paradoxie, welche durch das
„Mutti“ Etikett auf der Tomatensoßen Flasche und „Mutter Erde“ entsteht, wird
offensichtlich gespielt.
Der wirre Schnitt und die verwackelten Bilder sollen auf den fragilen Umgang mit Konsum
aufmerksam machen. Durch die alltägliche Schnelllebigkeit, welche durch Digitalisierung
und dem Drang Teil der kapitalistischen Welt zu sein, ausgelöst wird, wird der Umgang und
die Perspektive auf die Erde und den Konsum so wirr, wie sie durch den Schnitt der
Filmsequenzen dargestellt sind. Das Rascheln zwischen den eingesprochenen Textpassagen ist
das Resultat zusammengeknülltem Plastiks. Dieses Stilmittel wird bewusst genutzt, um ein
unbehagliches Gefühl auszulösen.
Der schnelle, wirre Schnitt, die absurden und teilweise unangenehmen abgebildeten Motive,
sowie das Rascheln des Plastiks sollen Unbehagen auslösen, um zu provozieren. Provokation
wird im Film genutzt, um Aufmerksamkeit auf den Klimawandel zu richten und eine
Konsumkritik auszudrücken.

Vitor Garcia de Almeida - Anthropos after Anthropocene

Alejandra Atalah - BeingSeinSer

mit

Peter Landgrebe (Philosoph)
Frank Raddatz (Ödipus)
Kundry Reif (Wissenschaftlerin)
Johanna Salz (Gaia)

Kamera, Schnitt und Ton: Vincent Burckhardt

Text: Frank Raddatz

Musik:
Peter Landgrebe – „Gonna Get Along Without You Now“ (Original Skeeter Davis)

Kevin Mooney – „Intro“

digitale kunst

fotografie

Franziska Dommers — Ohne Titel

Aaron Schauenburg — Becoming human

text

Catriona Fadke

Hannes Fröhlich —Anthropozäne Dichtungen

Dein Begehren schmeichelt mir

Doch wäre es mein Fleisch

nach dem du dich verzehren würdest

würde es in der Auslage des Supermarktes

unter starrem LED

freudlos mit dem sanften Rot des Rindes konkurrieren?

Ziz erhebt die Stimme zur Klage. Dem Zentrum des Schmerzes entspringt ein süßer Ton, ebenso gebrochen wie heilig. Der Name des Opfers raunt vom ausweglosen Himmel hinab. Die letzte schwarze Strandammer liegt im Sterben.

Alter Freund

Orange Band

wie sie dich nannten

Kleiner Herr der Einsamkeit

deine Reise ist vorbei

Allein wie du warst

verstehst du die Tränen des Himmels

besser als jeder andere

Und du, Menschenkind, täuscht dich dein trüber Blick?

Kannst du nicht unterscheiden zwischen einer roten Wüste

und einer Handvoll trockenem Staub?

Erkennst du nicht die Angst

die zwischen den fermentierten Bäumen

und euren stählernen Schrecknissen oszilliert?

Wart ihr es nicht

die sie vergifteten und ihnen ihre Heimat nahmen?

Wahrlich, hier stirbt es sich

Ja, das öde Land sehnt sich nach einer Flut

Sieh hier, der Mann mit fahler Haut

hinter dem das Pack einen Zirkel beschreibt

Ist er nicht schwer, der Hunger,

der sich durch seine Seele frisst?

Und dort, die Stadt im fiebrigen Wahn

Ganze Straßenzüge in blinder Raserei

Purpurne Wolken, grelle Hysterie

Dort schieben sie sich voran

den eigenen Stern fest in den Blick gefasst

Der eigene Stern, der matt ist und sehr erschöpft

Ihr hintergingt uns, als ihr den Geruch von feuchter Erde vergaßt

Uns, die wir zu euch und zu den Gräsern singen

Euer schwarzer Kokon wuchert schon lange

im inneren des Elfenbeinturms

Eure Landschaften voller Gräber

sind der obszöne Tumor dieser Welt

Glaubt ihr, ihr versteht den Schmerz, der den Tod begleitet?

Ehrlicher Schmerz wurzelt weder im Körper

noch in der Atmosphäre oder einem Aspekt des Geistes

Nein, ehrlicher Schmerz ist wie ein stiller Brunnen

Er ist ein trostloses Flimmern

wie ihr es in seinen unschuldigen Augen sehen könnt

in seinem erschöpften Gefieder

Alter Freund, Orange Band

Mit welchem Recht gaben sie dir diesen Namen?

Vom finsteren Ende der Brise her

vernahm niemand deinen Schrei nach Wärme

mit flammender Zunge in die Nacht graviert

Sing nun ein letztes mal

mit deiner Stimme aus Zimt und Lorbeer

Du bist es, zartes Geschöpf der Luft

dessen Blut die unersättliche Leere nährt

Alles zerbricht in der Dunkelheit

Ach, mein Bruder

dein kleines Herz wird schwer

Ist sie nicht reizend, die Abendluft?

Nun zur Dämmerung erhebt sich die Symphonie der Vergangenheit

Sieh, die Meise setzt sich nieder

Auch sie ist erschöpft, ja

Der fremde Rhythmus lastet schwer auf ihren schmalen Schultern

Kaum noch erkennt sie ihren eigenen Ruf

Ich forschte nach Worten, nach dem Ausdruck

um deinem Alpdruck gerecht zu werden

Doch was ich fand

ruhend im blauen Tau,

in den tauben Körpern winziger Wassertiere

und in den Pollen der Lilien

die das Tanzen aufgaben

um in grotesken Posen

ihren Körper im Dunst zu begraben

Was ich fand lehrte mir

dass uns nur eins bleibt:

das Schweigen

Kleiner Freund, du zitterst ja

Es tut mir Leid

Ich kann nichts für dich tun

als deine Tränen zu teilen

Kind des Windes

Deine silbrigen Tränen

Deine besinnungslose Reinheit

Ich wache über dich, armes Wesen

nun, da sich der Schleier über dir hinabsenkt

Ist dir kalt, alter Freund?

Schäme dich nicht

Auf der Schwelle zu den dunklen Wässern

wird niemand dein Schluchzen verhöhnen

Lass deinen kleinen schwachen Leib zurück, alter Freund

Nun liegt kein Schmerz mehr in deiner Stimme

Es ist Wehmut die in deinem Röcheln liegt

Verlass mich nun, mein Freund

Lass diesen bedauernswerten Ort zurück

Ich selbst, vergessen, werde weiter singen

Für deine tausend matten Brüder

Leb‘ wohl, kleiner Freund

Nun ist dein kleiner Körper

Mit Asche bedeckt

Jäger des Ostens

Helden der neuen Welt

Ich sehne mich nicht nach eurem Trost

Ihr, deren Altäre aus marmornen Schädeln

der groteske Geburtsort des Westens sind

 

Alles wird nun dem Tode entwachsen

Das welke Fleisch wird zum Gedächtnis dieses Landes

Das Blut wird unser Land fruchtbar machen

Bald schon werden die Knospen der Stille erblühen

 

Und doch ist euer Gewissen rein

Die Maschinerie aus Stahl und Dampf,

ließ sie den Tod nicht weiß erscheinen?

Doch die taube Luft der Ebenen

ist geschwängert von Verwesungsduft

Kupferne Fliegen öffnen

mit sorgfältigen Rüsseln

die Frucht ihrer Schädel

Das Blut tanzt und singt

auf ihren langen, traurigen Zungen

 

Der Rest ist der Tod

Ja, nur der Tod

 

Die Ruhe dämmert im kargen Land

Doch wer wird seine Klage ablegen

für die Vergessenen?

Ihr, die Jäger?

In dieser Landschaft,

die ihr nackt gemacht und ihrer Würde beraubt habt?

 

Wer entfaltet das Leichentuch?

Niemand hier singt oder weint

Ich wünsche einen tragischen Chor,

der sich über die Ebene legt

und ein Meer aus starren Augen

das Jade in den Wind ausstreut

 

Ich möchte die Männer mit den harten Stimmen hören

Die Männer, die Flüsse korsettieren

und Stürme beherrschen

Männer, die einen Schatten in die Nacht brennen

bewaffnet mit Nelken und ihrem Appetit auf den Tod

 

Hier sollen sie stehen

Vor diesen Schädelbergen

In diesem lieblichen Dunst

 

Hier will ich bezeugen

dass sie das Verlangen

von ihren Zungen pflücken

 

In Abwesenheit des Donners

Sollen ihre Stimmen

das Mondlicht

aus all den Wunden schöpfen

ton

Der Mensch kann sich exponentielles Wachstum nicht vorstellen. Hier wird es akustisch erfahrbar.

Inspiriert von einem Vortrag von Lynn Margulis erklingt Skeeter Davis‘ Song in neuem, anthropozänem Licht. Die Neuvertonung entstand im Rahmen des Films „Ödipus auf Anthropos“ (siehe „film“).