studentische projekte

Die hier präsentierten Arbeiten entstanden im Rahmen des Seminars „Kunst im Anthropozän“ im Sommersemester 2020 am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Studierenden setzten sich darin sowohl theoretisch wie praktisch mit künstlerischen Zugängen zum Thema Anthropozän auseinander und entwickelten eigene Projektarbeiten. Die Wahl des Mediums stand den Beteiligten dabei offen. Sehen Sie hier eine digitale Ausstellung der entstandenen Werke.

skulptur

Material: Ton (bemalt), Seil

fotografie

Franziska Dommers — Ohne Titel

Aaron Schauenburg — Becoming human

dichtung

Catriona Fadke

Hannes Fröhlich —Anthropozäne Dichtungen

Dein Begehren schmeichelt mir

Doch wäre es mein Fleisch

nach dem du dich verzehren würdest

würde es in der Auslage des Supermarktes

unter starrem LED

freudlos mit dem sanften Rot des Rindes konkurrieren?

Ziz erhebt die Stimme zur Klage. Dem Zentrum des Schmerzes entspringt ein süßer Ton, ebenso gebrochen wie heilig. Der Name des Opfers raunt vom ausweglosen Himmel hinab. Die letzte schwarze Strandammer liegt im Sterben.

Alter Freund

Orange Band

wie sie dich nannten

Kleiner Herr der Einsamkeit

deine Reise ist vorbei

Allein wie du warst

verstehst du die Tränen des Himmels

besser als jeder andere

Und du, Menschenkind, täuscht dich dein trüber Blick?

Kannst du nicht unterscheiden zwischen einer roten Wüste

und einer Handvoll trockenem Staub?

Erkennst du nicht die Angst

die zwischen den fermentierten Bäumen

und euren stählernen Schrecknissen oszilliert?

Wart ihr es nicht

die sie vergifteten und ihnen ihre Heimat nahmen?

Wahrlich, hier stirbt es sich

Ja, das öde Land sehnt sich nach einer Flut

Sieh hier, der Mann mit fahler Haut

hinter dem das Pack einen Zirkel beschreibt

Ist er nicht schwer, der Hunger,

der sich durch seine Seele frisst?

Und dort, die Stadt im fiebrigen Wahn

Ganze Straßenzüge in blinder Raserei

Purpurne Wolken, grelle Hysterie

Dort schieben sie sich voran

den eigenen Stern fest in den Blick gefasst

Der eigene Stern, der matt ist und sehr erschöpft

Ihr hintergingt uns, als ihr den Geruch von feuchter Erde vergaßt

Uns, die wir zu euch und zu den Gräsern singen

Euer schwarzer Kokon wuchert schon lange

im inneren des Elfenbeinturms

Eure Landschaften voller Gräber

sind der obszöne Tumor dieser Welt

Glaubt ihr, ihr versteht den Schmerz, der den Tod begleitet?

Ehrlicher Schmerz wurzelt weder im Körper

noch in der Atmosphäre oder einem Aspekt des Geistes

Nein, ehrlicher Schmerz ist wie ein stiller Brunnen

Er ist ein trostloses Flimmern

wie ihr es in seinen unschuldigen Augen sehen könnt

in seinem erschöpften Gefieder

Alter Freund, Orange Band

Mit welchem Recht gaben sie dir diesen Namen?

Vom finsteren Ende der Brise her

vernahm niemand deinen Schrei nach Wärme

mit flammender Zunge in die Nacht graviert

Sing nun ein letztes mal

mit deiner Stimme aus Zimt und Lorbeer

Du bist es, zartes Geschöpf der Luft

dessen Blut die unersättliche Leere nährt

Alles zerbricht in der Dunkelheit

Ach, mein Bruder

dein kleines Herz wird schwer

Ist sie nicht reizend, die Abendluft?

Nun zur Dämmerung erhebt sich die Symphonie der Vergangenheit

Sieh, die Meise setzt sich nieder

Auch sie ist erschöpft, ja

Der fremde Rhythmus lastet schwer auf ihren schmalen Schultern

Kaum noch erkennt sie ihren eigenen Ruf

Ich forschte nach Worten, nach dem Ausdruck

um deinem Alpdruck gerecht zu werden

Doch was ich fand

ruhend im blauen Tau,

in den tauben Körpern winziger Wassertiere

und in den Pollen der Lilien

die das Tanzen aufgaben

um in grotesken Posen

ihren Körper im Dunst zu begraben

Was ich fand lehrte mir

dass uns nur eins bleibt:

das Schweigen

Kleiner Freund, du zitterst ja

Es tut mir Leid

Ich kann nichts für dich tun

als deine Tränen zu teilen

Kind des Windes

Deine silbrigen Tränen

Deine besinnungslose Reinheit

Ich wache über dich, armes Wesen

nun, da sich der Schleier über dir hinabsenkt

Ist dir kalt, alter Freund?

Schäme dich nicht

Auf der Schwelle zu den dunklen Wässern

wird niemand dein Schluchzen verhöhnen

Lass deinen kleinen schwachen Leib zurück, alter Freund

Nun liegt kein Schmerz mehr in deiner Stimme

Es ist Wehmut die in deinem Röcheln liegt

Verlass mich nun, mein Freund

Lass diesen bedauernswerten Ort zurück

Ich selbst, vergessen, werde weiter singen

Für deine tausend matten Brüder

Leb‘ wohl, kleiner Freund

Nun ist dein kleiner Körper

Mit Asche bedeckt

Jäger des Ostens

Helden der neuen Welt

Ich sehne mich nicht nach eurem Trost

Ihr, deren Altäre aus marmornen Schädeln

der groteske Geburtsort des Westens sind

 

Alles wird nun dem Tode entwachsen

Das welke Fleisch wird zum Gedächtnis dieses Landes

Das Blut wird unser Land fruchtbar machen

Bald schon werden die Knospen der Stille erblühen

 

Und doch ist euer Gewissen rein

Die Maschinerie aus Stahl und Dampf,

ließ sie den Tod nicht weiß erscheinen?

Doch die taube Luft der Ebenen

ist geschwängert von Verwesungsduft

Kupferne Fliegen öffnen

mit sorgfältigen Rüsseln

die Frucht ihrer Schädel

Das Blut tanzt und singt

auf ihren langen, traurigen Zungen

 

Der Rest ist der Tod

Ja, nur der Tod

 

Die Ruhe dämmert im kargen Land

Doch wer wird seine Klage ablegen

für die Vergessenen?

Ihr, die Jäger?

In dieser Landschaft,

die ihr nackt gemacht und ihrer Würde beraubt habt?

 

Wer entfaltet das Leichentuch?

Niemand hier singt oder weint

Ich wünsche einen tragischen Chor,

der sich über die Ebene legt

und ein Meer aus starren Augen

das Jade in den Wind ausstreut

 

Ich möchte die Männer mit den harten Stimmen hören

Die Männer, die Flüsse korsettieren

und Stürme beherrschen

Männer, die einen Schatten in die Nacht brennen

bewaffnet mit Nelken und ihrem Appetit auf den Tod

 

Hier sollen sie stehen

Vor diesen Schädelbergen

In diesem lieblichen Dunst

 

Hier will ich bezeugen

dass sie das Verlangen

von ihren Zungen pflücken

 

In Abwesenheit des Donners

Sollen ihre Stimmen

das Mondlicht

aus all den Wunden schöpfen

theater

ton

 

Der Mensch kann sich exponentielles Wachstum nicht vorstellen. Hier wird es akustisch erfahrbar.

 

Inspiriert von einem Vortrag von Lynn Margulis erklingt Skeeter Davis‘ Song in neuem, anthropozänem Licht. Die Neuvertonung entstand im Rahmen des Films „Ödipus auf Anthropos“ (siehe unten).

film

Sophia Rentsch — I AM THE RIVER

mit

Peter Landgrebe (Philosoph)
Frank Raddatz (Ödipus)
Kundry Reif (Wissenschaftlerin)
Johanna Salz (Gaia)

Kamera, Schnitt und Ton: Vincent Burckhardt

Text: Frank Raddatz

Musik:
Peter Landgrebe – „Gonna Get Along Without You Now“ (Original Skeeter Davis)

Kevin Mooney – „Intro“